Tränen der Nordsee
Navigationsmeister Jörg Meyer
Tender WERRA (A68)
September 1989
Besondere Einsätze
Erinnerung von Navigationsmeister Jörg Meyer – Tender WERRA (A68)
Im September 1989 befanden sich die Tender WERRA und DEUTSCHLAND auf der Rückreise von der 68. AAR, als uns ein Notruf erreichte.
Ein Passagierflugzeug auf dem Weg von Oslo nach Hamburg war plötzlich vom Radar verschwunden. Zunächst wusste niemand genau, was geschehen war. Die Meldungen waren widersprüchlich. Erst nach und nach wurde deutlich, dass die Maschine in die Nordsee gestürzt war und sich das Suchgebiet in unserem Operationsraum befand.
Später erfuhren wir, dass sich an Bord Mitarbeiter und Gäste einer norwegischen Reederei befanden, die auf dem Weg zu einer Schiffstaufe in Hamburg waren.
Besonders bewegt hat mich eine Information, die wir erst nach dem Unglück erfuhren. Es gab deutlich mehr Interessenten für diesen Flug als verfügbare Plätze. Da nicht alle mitreisen konnten, wurde innerhalb der Firma ausgelost, wer einen Platz an Bord erhielt.
So entschied letztlich das Los darüber, wer an diesem Flug teilnehmen durfte – und wer nicht.
Für uns an Bord spielte die Ursache des Unglücks zunächst keine Rolle. Unsere Aufgabe war die Suche nach dem vermissten Flugzeug und seinen Insassen.
Schon bald wurden erste Trümmerteile gesichtet. Die Gewissheit, dass niemand den Absturz überlebt hatte, traf uns schwer.
Wir beteiligten uns an den Bergungsarbeiten und bargen insgesamt 51 Opfer aus der Nordsee. Es war eine Aufgabe, die keiner von uns jemals vergessen wird.
Anschließend wurden die Verstorbenen von uns in einen dänischen Hafen südlich von Skagen gebracht. Von dort aus erfolgte die Überführung in ihre norwegische Heimat.
Besonders dieser Teil des Einsatzes hat sich mir eingeprägt. Wenigstens konnten die Angehörigen ihre Verstorbenen zurückerhalten und in Würde verabschieden. Vier Menschen blieben für immer in den Tiefen der Nordsee vermisst.
Erst später wurde bekannt, dass mangelhafte beziehungsweise nicht zugelassene Flugzeugteile eine entscheidende Rolle bei dem Absturz gespielt hatten. Die Ermittlungen ergaben, dass alle 55 Menschen an Bord ihr Leben verloren. Das Unglück führte später weltweit zu schärferen Kontrollen von Flugzeugersatzteilen.
Auch Jahrzehnte später erinnere ich mich noch an diesen Einsatz. Er gehört zu den Ereignissen meiner Marinezeit, die sich tief eingeprägt haben.
Manche Einsätze bleiben nicht wegen ihrer militärischen Bedeutung in Erinnerung, sondern wegen der menschlichen Schicksale, die dahinterstehen.
⚓ Manche Einsätze enden nicht mit dem Einlaufen in den Heimathafen. Manche begleiten einen ein Leben lang.
🎵 NORDSEEROCKER-Song
Tränen der Nordsee
Diese Bordgeschichte wurde von NORDSEEROCKER als musikalische Erinnerung vertont.
⚓ Nach einer Erinnerung von Navigationsmeister Jörg Meyer – Tender WERRA (A68)
Veröffentlicht
Die Macht des Alten
Obermaat Rainer Smektala
Fregatte Bremen (F207)
Bordalltag / Kameradschaft
Die Macht des „Alten“
Autor: R. Smektala
Der Kommandant eines Schiffes wird liebevoll „der Alte“ genannt. Dabei ist es jedoch besser, diese Bezeichnung nur zu verwenden, wenn man über ihn, nicht jedoch wenn man mit ihm spricht.
Hier ein paar Beispiele, die den Respekt vor dem Kommandanten und seine Autorität belegen. Es stand die Durchquerung des Nord-Ostsee-Kanals an. Der Schiffstechnische Offizier (STO) kam auf die Brücke und meldete dem Kommandanten: „Herr Kapitän, ich melde Tiefgang 6,54 m“. Der Alte nahm die Meldung entgegen und wies den STO an: „Tiefgang 6,40 m“. Der STO entgegnete nur: „Jawohl Herr Kapitän. Tiefgang 6,40 m“. Wie man mir, als Neuem an Bord, später erklärte, hing das mit den Gebühren für die Kanaldurchfahrt zusammen. Bei 6,54 m wären wir wohl in die nächsthöhere Kategorie gekommen und es wäre teurer geworden.
Wir waren an einem sonnigen Tag auf dem Rückweg von Kopenhagen nach Wilhelmshaven. Wir fuhren mit 12 Knoten Kurs 200°. Ich war Brückenmaat der Wache (BdW) und ging auf die Backbord-Nock, wo auch der „Alte“ war. Er sagte zu mir: „Sagen Sie dem WO, ich empfehle 5 Knoten.“ Ich also wieder rein in die Brücke und dem WO gesagt, dass der Kommandant 5 Knoten wünscht. Der Rudergänger wurde angewiesen, auf 5 Knoten zu gehen. Ich wieder raus in die Nock und meldete: „5 Knoten liegen an, Herr Kapitän“. Er bedankte sich, lehnte sich mit seiner Sonnenbrille zurück und meinte nur, dass es ihm zu windig gewesen sei. Die Sonnenbrille war übrigens eine von einer McDonald’s-Aktion. PS: Er war halt ’ne coole Socke.
Freitagnachmittag, Abgängerparty in der U-Messe. Wir lagen an unserem angestammten Platz in Wilhelmshaven. Wir hatten von der letzten Seefahrt eine Menge Hartgas zollfrei einkaufen können und haben in unseren „Cocktail-Tonnen“ Moosmilk angerührt. Natürlich war auch der „Alte“ eingeladen und anwesend. Es kam, wie es kommen musste. Wir erreichten recht zügig eine ausgelassene Stimmung.
Irgendwann kamen wir auf die Idee, eine Polonaise durchs Schiff zu machen. Wir also von der U-Messe in die Mannschaftsmesse, dann über den Längsgang nach achtern und wieder zurück. Der „Alte“ war mittendrin. Dann ging es in die PUO-Messe. Dort war nur der Wachhabende an Deck (WaD) anwesend. Ich nenne mal keine Namen, aber der Oberbootsmann war so einer von der Sorte „überkorrekt“. Er baute sich gerade auf und wollte uns der PUO-Messe verweisen, da erkannte er, dass der „Alte“ mitten in der Reihe war. Da wurde er ganz still, setzte sich in eine Ecke und ließ es geschehen.
🎵 NORDSEEROCKER-Song
Die Macht des Alten
Diese Bordgeschichte wurde von NORDSEEROCKER als musikalische Erinnerung vertont.
⚓ Nach einer Erinnerung von Obermaat Rainer Smektala – Fregatte Bremen (F207)
Veröffentlicht
Ein Kamerad, den wir nicht vergessen haben
Uwe Fröhlich
Fregatte Braunschweig (F225)
Kameradschaft / Erinnerung
Erinnerung von Uwe Fröhlich – Fregatte Braunschweig (F225)
Manche Ereignisse prägen sich ein Leben lang ein. Während meiner Dienstzeit auf der Fregatte Braunschweig ereignete sich ein Vorfall, den ich bis heute nicht vergessen habe.
Nach einem Landgang in Kiel wurde ein etwa 40-jähriger Kamerad gegen Mitternacht von jungen Marineangehörigen auf dem sogenannten „Schwarzen Weg“ in der Nähe eines Sportgeländes aufgefunden. Anhand seines Dienstausweises erkannten sie, dass er zur Besatzung der Fregatte Braunschweig gehörte, und brachten ihn zurück an Bord.
Mit großer Mühe brachten wir ihn in seine Kammer im Bereich der Abteilung IX unterhalb der OPZ. Nach meiner Erinnerung befand er sich bereits in einem nahezu bewusstlosen Zustand.
Ein Arzt wurde hinzugezogen. Nach damaliger Einschätzung wurde jedoch keine Einweisung in ein Krankenhaus veranlasst.
Am nächsten Morgen wurde der Kamerad tot in seiner Kammer aufgefunden.
Die Nachricht traf die gesamte Besatzung schwer. Unter großen Mühen mussten wir ihn mit einer Transporthängematte aus seiner Kammer bergen.
Der Verstorbene wurde später von Bord gebracht. Zu den Bildern, die mir bis heute in Erinnerung geblieben sind, gehört der Moment, als sein Leichnam mit der deutschen Flagge bedeckt wurde. Kameraden trugen ihn von Bord. Er bekam als Ehrenbezeugung seine letzte „Seite“ gepfiffen.
Für uns war dies ein stiller und würdevoller Abschied.
Im Zusammenhang mit den damaligen Ermittlungen wurde nach meiner Erinnerung ein Blutalkoholwert von 4,8 Promille festgestellt. Ob dies letztlich die unmittelbare Todesursache war, kann ich nicht beurteilen.
Diese Erinnerung gehört bis heute zu den Ereignissen meiner Marinezeit, die ich niemals vergessen werde.
⚓ In stillem Gedenken an einen Kameraden der Fregatte Braunschweig.
Veröffentlicht
Social Media
NORDSEEROCKER online
Folge NORDSEEROCKER auf YouTube, Facebook und TikTok.
Neue Songs, Musikvideos, maritime Geschichten und aktuelle Veröffentlichungen.